LET’S START THE GAME.

He, who is not busy being born, is busy dying.“ (Bob Dylan)

Grüße von Schumpeter: Der Unternehmer verwandelt die Welt.
Dass die Wirtschaft keinen Stillstand duldet, dass Globalisierung und Digitalisierung zu einer Beschleunigung des Austauschs von Personal, Gütern, von Informationen und Finanzen geführt haben, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Weitaus weniger bekannt dürften jedoch das tatsächliche, drastische Ausmaß und die Wirkungen dieses Wandels sein. Wir unterschätzen noch immer die Dynamik der übermütig expandierenden Konkurrenz aus dem Silicon Valley, die mit extrem aggressiven Produktlebenszyklen, mit rasanter Innovation und prall gefüllter Kriegskasse als Herausforderer antreten. Mit Schrecken stellen wir fest: Sie könnten dabei sogar siegreich sein. Mit unglaublicher Wucht brechen sie die Domänen der traditionellen Industrien auf und etablieren sich mit rasender Geschwindigkeit, wie folgende Beispiele deutlich zeigen:

• Uber besitzt keine Fahrzeuge, ist aber der größte Taxianbieter weltweit.
• Airbnb besitzt keine eigenen Gebäude, ist aber der größte Übernachtungsanbieter der Welt.
• Als größter Einzelhandelskonzern der Welt hat Alibaba keine eigenen Lagerbestände.
• Facebook, als beliebtestes Medienunternehmen, liefert kaum eigenen Content.
• Der größte Filmverkäufer Netflix verfügt über keine Kinos.

Hier sind die Rockefellers und Fords der Neuzeit am Werk: Jobs, Gates und Musk lassen grüßen. Wie eine tektonische Platte schiebt sich die IT-Branche über die alten Industrien. Die Kapitäne der ehemaligen unsinkbaren Schiffe werden zu Zaungästen eines gigantischen Untergangsspektakels. Die schwindelerregenden Auswirkungen von Schumpeters Werk werden noch deutlicher, wenn man die gesamte Marktkapitalisierung der weltweit zehn größten Automobilhersteller mit der von den größten Tech-Playern vergleicht: die traditionellen Autokonzerne haben insgesamt nur ein Viertel des Börsenwerts verglichen mit dem der aufstrebenden Technologie-Startups.

Technik als Beschleuniger der Beschleunigung
Die Geschwindigkeiten (aber auch die Volatilitäten, darüber sprechen wir an anderer Stelle) der Veränderungen unserer wichtigsten Branchen nehmen im globalen Maßstab zu – nicht umsonst ist „als Kulturphänomen“ bereits eine Beschleunigung der Beschleunigung selbst festzustellen. Dies lässt sich auch im wichtigsten Industriethema der modernen Gesellschaft, dem Thema Mobilität, diagnostizieren: Auch sie hat längst ihre eigene, technikgetriebene Dynamik entwickelt. Sie wandelt sich, weil sie sich mit stark veränderten Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen hat: Das Fahrzeug wird in Zukunft weitaus mehr sein als das liebgewordene Statussymbol der 50er- und 60er-Jahre. Je mehr Technik dem Fahrer assistiert, je mehr Rechenleistung ihn umgibt, umso mehr fließen sichtbare und unsichtbare Dienstleistungen in das Fahrverhalten, in das System „Fahrzeuge und Verkehr“ und in den gesamten Automobilmarkt ein.

In gewisser Weise wird damit das Auto selbst vom Produkt zur Dienstleistungsplattform – mit allen sich daraus ergebenden Umbrüchen und Konsequenzen. Das Automobil – einst „Rückzugsraum“ und „Glasglocke“ im Gewühl des täglichen Verkehrs – verändert seine Rolle: Es wird zur Anzeigetafel und zum Verbindungsinstrument des Fahrers zum Strom virtueller Aktivitäten und zum Leitstand in einem unerschöpflichen Reservoir möglicher Dienstleistungen – sowohl für den menschlichen Fahrer, als auch für autonom gesteuerte, mobile Systeme.

Fahren auf Sicht bedeutet nicht rudern ohne Verstand.
Seit „Uber“, „Tesla“ oder „Google Car“ zieht Talebs „Schwarzer Schwan“ geiergleich seine Kreise über der Autoindustrie. Der Veränderungsdruck ist enorm und die alten Platzhirsche sehen sich einem dramatischen Überraschungsangriff nach dem anderen ausgesetzt. Gerade weil die Geschwindigkeit und die Volatilität durch die Digitalisierung so stark steigen, sinken die Prognosereichweiten der üblichen Glaskugelhypnotiseure so schnell. Wir geben also einen klaren Warnhinweis: Neues ist eben anders als „more of the same“. Viele „Studien“ unserer Beraterzunft dringen leider kaum in die prognostizierten Branchen ein, oder stecken andererseits zu tief in der Verteidigung des „Weiter so!“ ihrer Branchen fest. Es genügt eben keinesfalls, das Auto als isoliertes Produkt und die Kunden als feststehende oder gar homogene Gruppe zu begreifen – es gilt, die Regeln des Gesamtsystems zu hinterfragen. Die Revolution beginnt beim kaum wahrnehmbaren, einzelnen Kunden, dem neue Möglichkeiten geboten werden, bis es schließlich, durch die Kräfte der neuen Medien, zu einer explosionsartigen Verbreitung kommt. So kann ein schwaches, von einer Randgruppe ausgehendes Signal mitunter sehr schnell zu einem Massenphänomen werden, dem sich keiner mehr entziehen kann.

An den Schnittstellen von Computertechnologie und Automobilindustrie entstehen derzeit schlagartig neue Geschäftsfelder mit je eigenen Ausgangsbedingungen und Optionen. Nur wer die (regional unterschiedlichen!) Spielregeln kennt, kann flexibel, schnell und entschlossen auf die sich aus der wachsenden Komplexität ergebenden Anforderungen reagieren. Dies ist aber auch der Moment, in der wir uns von Opfern des Wandels zu Gestaltern einer besseren Zukunft für unsere Industrien entwickeln können. Dies ist die Zeit, in der Unternehmer in ihrem ureigenen Wesen und Handeln gefragt sind:

(…), dass jemand grundsätzlich nur dann Unternehmer ist, wenn er eine ‚neue Kombination durchsetzt‘ – weshalb er den Charakter verliert, wenn er die geschaffene Unternehmung dann kreislaufmäßig weiterbetreibt.“ (Joseph Alois Schumpeter)

Das Spiel mit der Theorie
Warum aber stehen wir mit unseren großen Konzernen nicht an der Spitze dieses Wandels? Die Ursachenforschung für den geringen Veränderungsmut unserer klassischen Unternehmen wird viele Einzelpunkte ins Feld führen können: den kurzatmigen Fokus auf den Takt der Börsenquartale, den Unwillen, sich der unbequemen Anpassung wohlgewohnter Arbeitsformen aussetzen zu müssen, das Erstarken neuer Mitbewerber aus neuen Ländern und Sektoren. Es ist aber nicht die Faktenbasis, die fehlen würde. Es ist das Handeln, welches zu zögerlich greift.

Unserer Beobachtung nach hat die Nahtod-Erfahrung der Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 unsere Konzerne (nicht deren Lenker, aber durchaus das Zusammenspiel zwischen der Arbeitnehmerseite und dem Management-Mittelbau) in einer vorsichtigen „Fahrt auf Sicht“ gefangengenommen, reaktive Muster und Bewahrung beherrschten den Diskurs. Das hat sich zwar seit etwa 2013 etwas verändert, die Agenda-Prioritäten der CXOs wechselten von „Wachstum in China“ zu „Digitalisierung und neue Wettbewerber“. In der Anpassung des konkreten Handelns gibt es aber aus unserer Sicht noch viel zu tun.

Das hier vorgelegte Modell unseres „Transition Game“ bildet die neuen Regeln, das neue Spielfeld und die neuen Herausforderungen als strategische Gedankenübung ab. Erdacht wurde es im Rahmen einer Workshop-Serie mit Top Adressen der Autoindustrie als Seminar und Rollenspiel, in dem die Veränderungen der Mobilitätsbranche begreifbar gemacht werden sollte. Ziel war die Erzeugung von „dezentraler Energie und Initiative“. Mit dem „Transition Game“, hier nun in der Buchform, wollen wir allen weiteren Spielern dieselben Mittel in die Hand geben, die nötig sind, um in der Mobilitätsindustrie des 21. Jahrhunderts nicht nur zu bestehen, nicht nur zu überleben, sondern strategische Handlungsoptionen zu identifizieren, die es erlauben, sinnvoll, vorausschauend und im Wortsinne „unternehmerisch“ zu agieren.

In unseren Diskussionen geht es nur sehr bedingt um konkrete Kennzahlen, die sich wegen der Vielfalt an unvorhersehbaren Einflüssen ohnehin kaum über den angestrebten Zeitraum prognostizieren lassen. Stattdessen wurde ein Instrumentarium geschaffen, das Muster, Treiber und Regeln der Netzwerkwirtschaft erkennt und in ihrem Zusammenspiel abschätzen will. Die erfolgreichsten Spieler des Transition Game dürften durch diese Kenntnisse sogar in die Lage versetzt werden, selbst einen Teil derjenigen Rahmenbedingungen zu gestalten, die das System zukünftiger Mobilität ausmachen.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, sich unter www.eandco.com am Dialog zu beteiligen.

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